Lebensberatung - Altmann Norbert

Höhlengleichnis

Stelle dir Menschen in einer unterirdischen Höhle vor. Sie sind gefesselt.
Sie bleiben immer an derselben Stelle und sehen nur geradeaus vor sich hin, denn durch die Fesseln werden sie daran gehindert, ihren Kopf zu bewegen. Von hinten oben leuchtet das Licht eines Feuers. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten gibt es einen Weg, dem entlang eine niedrige Mauer errichtet ist - ähnlich einer Schranke, die die Puppenspieler vor den Zuschauern errichten, um über sie hinweg ihrer Kunststücke zu zeigen. Längs dieser
Mauer tragen Menschen Statuen vorbei, die über die Mauer hinausragen.
Die Gefesselten gleichen uns. Können sie von sich selbst und voneinander etwas anderes gesehen haben, als die Schatten, die vom Feuer auf die gegenüber liegende Wand der Höhle geworfen werden? Diese Gefangenen würden die
Schatten der Gegenstände für wirklich halten.
Wenn einer aus den Fesseln befreit würde und plötzlich aufzustehen, sich in Bewegung setzen und zum Lichtschauen müsste, er könnte dies nur mit Schmerzen tun und er wäre vom Licht so geblendet, dass er nicht imstande wäre, jene Dinge zu erkennen, deren Schatten er vorher sah. Was würde er sagen, wenn man ihm versicherte, er hätte damals lauter Nichtigkeiten gesehen? Er würde weder aus noch ein wissen und glauben, das vorher Gesehene sei wirklicher als das, was man ihm jetzt zeige?
Wenn man ihn ans Licht der Sonne gebracht hätte, würde er sich nicht
dagegen sträuben? Würde er nicht so geblendet sein vom Glanz, von alldem, was ihm jetzt als Wirklichkeit angegeben wird, dass er überhaupt nichts zu erkennen vermöge?
Er würde sich also erst daran gewöhnen müssen, die Dinge da oben zu sehen. Zuerst würde er wohl am leichtesten die Schatten erkennen, später die Gegenstände selbst. Erst zuletzt wird er imstande sein, die Sonne anzuschauen.

aus „Staat“ von Platon 428 - 347 v. Chr. (Text gekürzt und bearbeitet) Sokrates spricht mit Glaukon

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